100 Jahre Chemiestandort Seelze - PDF Kostenfreier Download (2023)

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1 100 Jahre Chemiestandort Seelze Die Industrialisierung eines Dorfes Beiträge zur Seelzer Geschichte Museumsverein für die Stadt Seelze e. V.

2 Inhalt Geschichte der Chemie... 3 Wichtige chemische Produkte um Aufbruch und Wandel in Seelze ab Ein zeitgenössischer Überblick Die Industrie zieht auf die Dörfer... 7 Was geschah in Seelze nach 1847?... 9 Landwirtschaft und gesellschaftliche Veränderungen Schuhmacher und Schneider profitieren von der Eisenbahn Chemische Industrie in Seelze Voraussetzungen für die Ansiedlung in Seelze Einzug der Industrie in Seelze um Anfänge der chemischen Industrie in Seelze Merklin und Lösekann 1898 Seelzer Asbestfabrik Heinrich Hay / Dr. A. Büchtmann 1900 Dr. Plinke 1902 Continental Gummiwerke AG Hannover 1902 Chemische Fabrik List, Eugen de Haën 1927 Chemische Fabrik Jonassen in Lohnde 1930 Hannoversche Asbest- und Kieselgur-Waren-Fabrik, Toenne 1952 Wachsschmelze Becher Chemische Fabrik des Eugen de Haën Der Gründer Landkäufe und Bau der chemischen Fabrik Kantor Wilhelm Feldmann Industrialisierung - Auswirkungen und Begleiterscheinungen Handwerker als Zulieferer Geschäftsgründungen Wohltätigkeit und Gesundheitswesen Kirchliches Leben im Wandel Bau einer katholischen Kirche Vereine als neue Gemeinschaften Schulwesen Bedeutung der chemischen Fabrik für den Ort Umweltschutz vor hundert Jahren und heute Arbeiten in der Chemischen Kleine Geschichte der Chemischen Chemische Industrie in Seelze im Jahre Honeywell Specialty Chemicals Seelze GmbH Sigma-Aldrich Laborchemikalien GmbH Troy - Chemie GmbH Dr. Becher GmbH Chemie in unserem Alltag Quellenverzeichnis Impressum Jahre Chemie in Seelze

3 Geschichte der Chemie Bereits vor Jahren wurde im alten Ägypten mit chemischen Verbindungen gearbeitet, z. B. bei der Herstellung von Glas durch das Zusammenschmelzen von Quarz, Soda und Pottasche oder beim Versilbern von Gegenständen. Es sollte jedoch noch etwa Jahre dauern bis von der Chemie als von einer Wissenschaft gesprochen werden konnte. In der Zwischenzeit war vor etwa Jahren als chemisches Produkt erstmals Seife hergestellt worden. Vor etwa 850 Jahren wurde in China das Schwarz- (Schieß-) pulver erfunden. Aus diesen Entdeckungen und auch aus dem Experimentieren der Alchimisten im Mittelalter bei ihren Versuchen, Gold zu machen, entstanden jedoch keine Fortschritte in der wissenschaftlichen Erforschung der chemischen Stoffe und ihrer Verbindungen. Erst die Entdeckung chemischer Elemente wie z. B. Phosphor (1669), Wasserstoff (1766), Sau- erstoff (1771), Stickstoff (1772), Chlor (1774) und die Erkenntnis, dass mit Hilfe des Sauerstoffs verschiedene chemische Elemente miteinander verbunden werden können (Oxidation), bedeutete die Geburt der modernen Chemie. Kekulé begründete 1865 die organische Chemie mit der Entdeckung des Benzolrings. Im Zusammenhang mit der im 19. Jahrhundert in Europa und in den USA einsetzenden Industrialisierung entwickelte sich die chemische Wissenschaft und mit ihr die chemische Industrie in rasantem Tempo, und überall gab es in großem Umfang Entdeckungen chemischer Zusammenhänge. Die chemische Technologie begann in viele Bereiche einzudringen, z. B. in die Landwirtschaft, das Verkehrswesen, die Medizin oder in die Textilherstellung. Die wohl wichtigste Entdeckung war 1808 die des Atoms. Damit war die Basis geschaffen, Formeln zu entwickeln und die Logik chemischer Verbindungen zu erkennen. Es entwickelten sich zwei unterschiedliche chemische Bereiche: die anorganische, ( unbelebte ) Chemie und die organische (Kohlenwasserstoff-) Chemie. Die Chemie trat ihren bis heute anhaltenden Siegeszug an und wurde zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Zunächst traten Produzenten chemischer Erzeugnisse als Betreiber chemischer Laboratorien in Erscheinung. So war z.b. im hannoverschen Adressbuch von 1866 das 1861 von Dr. phil. Eugen de Haën gegründete Unternehmen als Fabrik pharmazeutischer u. technischer Chemikalien, Laboratorium chem. Präparate für Photographie verzeichnet. Die Betreiber solcher Laboratorien stellten zumeist Chemikalien und chemische Präparate her, die von anderen industriellen Betrieben für die Herstellung ihrer Produkte benötigt wurden. K.-H. Pfeiffer Alchimistenküche, das Chemielabor des Mittelalters 100 Jahre Chemie in Seelze 3

4 Wichtige chemische Produkte um 1900 Welch wichtigen Platz die Chemie bereits vor gut hundert Jahren im Leben und Arbeiten der Menschen eingenommen hatte, zeigt die nachfolgende kurze Aufzählung: Produkte für den Menschen: Chemikalien zur Leim-, Seifen-, Kerzenherstellung, für Farben und Anstrichmittel, Fotochemikalien (Entwickler, Fixiersalze, Fotopapiere), künstliche Riech- und Aromastoffe (Vanillinsynthese), erste Kunststoffe: Bakelit (seit 1907) Produkte für die Industrie: Mineralsäuren (Salz-, Schwefel-, Salpetersäure), Metallsalze, Schwefel, Spiritus (Äthanol) aus Kartoffeln, Glyzerin, Steinkohlenteer (Rohstoff für z. B. Benzol, Toluol, Phenol, Anilin -Farben) Produkte für die Landwirtschaft: Künstlicher Dünger (Liebig 1840): Kali, Phosphor- / Stickstoffverbindungen, Schwefel, Kupfersulfat, Nikotinpräparate zur Schädlingsbekämpfung, Saatbeizen Produkte für die Medizin: Chloroform, Formaldehyd, Karbolsäure (Phenol), Wasserstoffperoxid, Jod, Chinin, Morphin, Veronal, Antipyrin, Phenacetin Produkte für die Textilindustrie: Synthetische organische Farbstoffe (ab 1860), Chemiefasern (1884), Chlorkalk (Bleichmittel). K.-H. Pfeiffer Jahre Chemie in Seelze

5 Aufbruch und Wandel in Seelze ab 1900 Das Bauerndorf Seelze wurde aus seinem mehrhundertjährigen Dornröschenschlafe jäh aufgerüttelt. Als es erwachte, fand es sich in der Entwicklung zu einem Industrieorte. An der Junkernwiese, Seelze So beschreibt der Seelzer Chronist Heinrich Wittmeyer ( ) rückblickend die selber noch erlebte Situation um die Jahrhundertwende 1900 und besonders in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Ein zeitgenössischer Überblick Prosaischer, in der Grundaussage aber ganz ähnlich, liest sich die Beschreibung der Seelzer Entwicklung von Dr. Ing. Fritz Hildebrand 1935, verfasst für das Buch Der Kreis Hannover- Land mit dem Deister (Magdeburg 1935). Nach der Erwähnung des Eisenbahnbaus 1847, der Seelze den einzigen Bahnhof zwischen Hannover und Wunstorf beschert hatte, ohne dass dies sich umgehend allzu gravierend ausgewirkt hätte, fährt der Autor fort: Die Wende des Jahrhunderts aber bringt eine völlige Umwandlung des friedlichen Ortes. Die uralte Scholle des Bauern wird Handelsware, der Ort wird von der Industrie und der Entwicklung des Verkehrs erfaßt, die nahe Großstadt macht ihren Einfluss geltend erwirbt ( ) Eugen de Haën ausgedehnte Ländereien bei Seelze, auf denen er eine große moderne Fabrik erbaut, die 1902 in Betrieb genommen wird. Die in der Fabrik zeitweise beschäftigten Angestellten und Arbeiter bedingen naturgemäß eine bauliche Entwicklung des Ortes. Schon 1906 standen die nächsten Baumaßnahmen in ähnlicher Größenordnung an. Nachdem die Eisenbahnverwaltung vergeblich versucht hatte, den Wunstorfer Bauern Land für einen großen Rangierbahnhof westlich Hannovers (als Gegenstück zum Lehrter Bahnhof im Osten) abzuhandeln, fragte sie in Seelze an. Südlich des Dorfes konnte sie Land erwerben, das im Osten bis nach Letter, im Westen bis nach Lohnde reichte. Der Rangierbahnhof wurde von 1906 bis 1909 gebaut und gleichzeitig wurden alle ebenerdigen Bahnübergänge durch einen hohen Bahndamm beseitigt, so dass Brücken und Unterführungen geschaffen werden mussten. Dadurch wurden auch einige Wegeverbindungen gekappt. Wie schon beim Bau der chemischen Fabrik waren Hunderte von auswärtigen Arbeitern jahrelang Dauergäste in Seelze und in den umliegenden Dörfern. Schließlich, als vorerst letzte große Baumaßnahme, entstand zwischen 1912 und 1916 der hiesige Abschnitt des Mittellandkanals mitsamt dem bei Lohnde abzweigenden Stichkanal nach Linden. Die Landschaft veränderte sich dadurch noch einmal gründlich. Wieder mussten Brücken gebaut werden, wieder wurde die Muskelkraft von Hunderten benötigt. 100 Jahre Chemie in Seelze 5

6 Aufbruch und Wandel Was sind das für Menschen, die zu jener Zeit zu Tausenden nach Seelze kommen? In der Sichtweise des Seelzer Zeitgenossen Hildebrand sind es - im Gegensatz zu den alteingesessenen Bauern und Handwerkern mit ihren Familien - neue Ortsbewohner, die als Angestellte, Beamte und Arbeiter häufig den Wohnsitz wechseln, vielfach in der nahen Großstadt ihre Arbeitsstätte haben und demzufolge mit der Großstadt weit mehr verbunden sind als mit dem Dorfe. Nicht nur in dieser Hinsicht konstatiert der Autor einen tiefgreifenden Strukturwandel. Während er den wirtschaftlichen Aufbruch grundsätzlich positiv befürwortet, sieht er zugleich: aber der Landverlust durch den Bau einer chemischen Fabrik, des Kanals und des [Rangier-] Bahnhofes haben der Landwirtschaft den Lebensnerv genommen und dem Ort für seine fernere Entwicklung völlig neue Bahnen vorgeschrieben. Die Ereignisnähe des Zeitgenossen Hildebrand läßt ihn auch deutlich neue Abhängigkeiten für das industrialisierte Seelze se- Arbeitslose vor dem Arbeitsamt am Königsworther Platz Jahre Chemie in Seelze Arbeitslosigkeit Bernd Zingel schreibt in den Seelzer Geschichtsblättern (Nr. 6 / 1991): Für die Arbeitsmarktentwicklung im Seelzer Raum waren die Entlassungen der Reichsbahn [Rangierbahnhof], von Riedel und Conti entscheidend. So arbeiteten in der chemischen Fabrik Anfang der 20er Jahre noch über 1000 Menschen, um 1933 waren es nur noch weniger als 600. Und mit der Schließung des Conti- Zweigwerkes im Zuge der Konzentration der gesamten hannoverschen Gummi-Industrie ( ) wurden auf einen Schlag über 300 Leute arbeitslos. Alle diese Arbeitslosen mussten täglich nach Hannover zum Stempeln. Und einmal pro Woche war ein Vorsprechen beim zuständigen Arbeitsvermittler vorgeschrieben. In den Augen vieler war das reine Schikane, da es sowieso nichts zu vermitteln gab. Vom Hunger geschwächte Arbeitslose mußten stundenlang Schlange stehen und verschiedene der Wartenden (fielen) plötzlich wie die Fliegen um (Neue Arbeiterzeitung ). Dies führte ständig zu Auseinandersetzungen im und vor dem Arbeitsamt [am Königsworther Platz]. Besonders die Herrenhäuser Allee war ständig von erregt diskutierenden Erwerbslosen bevölkert. ( ) Um den Unmut der Erwerbslosen über die Arbeitsverwaltung nicht ins Maßlose zu steigern, wurden schließlich (aber wohl erst 1932) verschiedene Stempelstellen in den Landkreisen eingerichtet. So erhielt Seelze eine Außenstelle des Arbeitsamtes Hannover, in der auch die Arbeitslosen der umliegenden Gemeinden stempelten. Damit wurde wenigstens eine kleine Erleichterung geschaffen, da außer der wöchentlichen Auszahlung vom Arbeitsamt sowieso nichts zu erwarten war. Ende 1932 wurde durchschnittlich aber nur noch ein Drittel aller Arbeitslosen finanziell vom Arbeitsamt unterstützt. hen, wie sie in der Wirtschaftskrise um 1930 zutage traten: Die chemische Fabrik verlegt einen Teil der Produktion nach Berlin (Standort Riedel in Britz) und baut in Seelze Personal ab, das Zweigwerk der Conti wird 1931 gar komplett geschlossen und abgerissen, die Asbestfabrik von Heinrich Hay im Hermannstal geht 1931 in Konkurs : Arbeitslosigkeit bestimmt den Alltag zahlloser Familien - in Seelze 30 Jahre zuvor ein wohl kaum gekanntes Phänomen. Aber der Autor Dr. Hildebrand sieht Mitte der 30er Jahre

7 sehr wohl die Qualitäten, die Seelze dem Industrialisierungsschub verdankt, die moderne, seinerzeit für dörfliche Verhältnisse noch ungewöhnliche Infrastruktur: die 1903 gebaute mehrklassige Volksschule, seit 1911 mit gehobener Abteilung, welche begabte Kinder auf den Realschulabschluss vorbereitet, und 1939 zum Mittelschulzweig ausgebaut wird, das öffentliche Brause- und Wannenbad im Keller des Schulgebäudes, die flächendeckende Wasser-, Gas-, und Stromversorgung im Ort (1935 ergänzt um Abwasserkanäle und Kläranlage), das Freibad (heute Yachthafen) und die Sportplätze am Lindener Zweigkanal, günstig gelegenes Industriegelände mit bester Verkehrsanbindung (was damals heißt: Kanal und Eisenbahn) und ausreichender Wasser- und Stromversorgung (durch das damalige Kraftwerk Ahlem). Und schließlich Hildebrands Ausblick in eine Zukunft, die unsere Vergangenheit und Gegenwart ist: Seelze habe in jüngster Zeit umfangreiches Baugelände erschlossen und durch den Erlaß von Satzungen zur Einhaltung von Fluchtlinien und zum Schutz des alten Dorfkerns ( gegen die Verunstaltung von Straßen und Plätzen ) zielbewußte Richtlinien für die weitere Bebauung und gedeihliche Entwicklung des Ortes geschaffen. Diese Entwicklung könne aber nur in zwei Richtungen erfolgen: einmal in dem Bemühen, den Ort durch Industrie zu beleben, zum anderen durch die Schaffung gesunder, billiger Wohnflächen in der Nähe der Großstadt. Dr. Ing. Fritz Hildebrand war vermutlich in der Chemischen Fabrik Riedel-de Haën beschäftigt. Und allein der Umstand, dass es hier neben Lehrer und Pastor noch andere gab, die einen solchen Text verfassen konn- Entwicklung der Einwohnerzahl Seelzes Jahr Einwohnerzahl Zuwachs (+29%) (+314%) (+40%) Entwicklung der Einwohnerzahl Letters Jahr Einwohnerzahl Zuwachs (+100%) (+140%) (+92%) Entwicklung der Einwohnerzahl Hannovers Die Industrie zieht auf die Dörfer Gehen wir nach diesem zeitgenössischen Überblick noch einmal zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts und betrachten zeittypische Entwicklungen, die vor Seelzes Industrialisierung um 1900 stattfanden. Den Hintergrund dafür bildeten die Industrialisierung und der damit einhergehende Bauboom in Hannover und Linden. Hilfreich ist hier ein Blick auf die Einwohnerzahlen Hannovers: in nur 60 Jahren wuchs Hannovers Bevölkerung um ten, hebt Seelze aus der Masse der Dörfer der 1930er Jahr deutlich heraus. Jahr Einwohnerzahl Zuwachs (+150%) (+150%) N. Saul mehr als Menschen (s. o.). Und selbst wenn wir die Eingemeindung umliegender Dörfer in diesem Zeitraum berücksichtigen, bleibt noch ein enormer Zuzug festzustellen. Für all diese Menschen musste Wohnraum geschaffen werden, und wer Häuser bauen wollte, brauchte Steine. (Das galt übrigens zunehmend auch auf dem Dorfe, denn das Fachwerk kam allmählich aus der Mode ). Und hier kommen die Seelzer Dörfer ins Spiel. 100 Jahre Chemie in Seelze 7

8 Aufbruch und Wandel Ansichtskarte Zur Erinnerung an das 25jährige Stiftungsfest des Gesangvereins Letter am Juli Zu erkennen sind im Hintergrund die zahlreichen Sandkuhlen. Erstes Beispiel: Die Ziegelei Lathwehren Schon um 1850 baute Friedrich Zieseniß in der Lathwehrener Feldmark, nahe dem Großen Holze, eine kleine Ziegelei mit einem Brennofen. Bis 1898 wurden dort in sommerlicher Saisonarbeit jährlich Ziegelsteine hergestellt, weitgehend in Handarbeit. Zweites Beispiel: Letters Sandindustrie Wer bauen will, braucht nicht nur Steine, sondern auch Sand. In Letter lag er haufenweise herum und wurde in den Gründerjahren nach 1871 nach Hannover und Linden verkauft. Die neue Zeit begann in Letter mit dem Abtrag der sogenannten Hünenhoopen. Das waren gewaltige Sandberge (vermutlich eiszeitlichen Ursprungs), von denen es nahe dem alten Dorfkern und in der südlichen Gemarkung mehrere gab. Als die Sandhügel abgetragen waren und immer noch Nachfrage bestand, begannen die letterschen Bauern in den 1880er Jahren auf ihrem Land in die Tiefe zu graben. Überall entstanden Sandkuhlen, die bis heute für auffällige Niveauunterschiede im Dorf sorgen, wo sie nicht wieder vollständig zugeschüttet wurden. Jahrzehntelang zogen die Pferdefuhrwerke durch die Sandstraße (heute Im Sande ) und kehrten die Fuhrleute im dortigen Sandkrug ein. Diese beiden Beispiele mögen genügen. Wichtig bleibt festzuhalten, dass es sich hier in gewissem Sinne um isolierte Einzelerscheinungen handelte, die kei- ne Standortentwicklung einleiteten, die der Seelzes um und nach 1900 vergleichbar wäre. Insbesondere der Blick auf das heute noch dörfliche Lathwehren mit seinen gut 500 Einwohner/innen macht dies deutlich. Letter verdankt seine Entwicklung anderen Faktoren als der Belieferung Hannovers mit feinstem Bausand. N. Saul Letters frühes Wachstum Den wichtigsten Ausgangspunkt für Letters Entwicklung vom kleinen Bauerndorf am hohen Ufer der Leine zu einem der großen Wohnstandorte vor den Toren Hannovers bildete 1878 die Gründung des Eisenbahnausbesserungswerkes in Leinhausen. Von dort nach Letter war es an den Bahngleisen entlang ein für die damalige Zeit normaler Fußweg, und so siedelten sich die ersten Eisenbahner hier an. Begünstigt wurde dies dadurch, dass die letterschen Bauern relativ bereitwillig Bauland verkauften, da ihre Sandböden für die Landwirtschaft teilweise kaum nutzbar waren. Schon ab 1892 errichtete der Stöckener Bauverein im Lakefeld die erste genossenschaftliche Siedlung, und als dann der Rangierbahnhof zwischen Seelze und Letter gebaut wurde, kamen immer mehr Bahnarbeiterfamilien und Letter erlebte einen regelrechten Bauboom. Zwischen 1909 und dem Ersten Weltkrieg wurden dutzende große, städtisch anmutende Mehrfamilienhäuser gebaut, z.b. an der Kurzen Wanne und an der Lange-Feld-Straße zum Rangierbahnhof hin. So entstand zu dieser Zeit sozusagen das Gerüst eines Ortes, der von den Einheimischen lange Zeit Neu-Letter genannt wurde. Erst 1915 bekam Letter einen eigenen Eisenbahn-Haltepunkt, der das Wachstum des Dorfes weiter begünstigen sollte Jahre Chemie in Seelze

9 Was geschah in Seelze nach 1847? Nachdem Seelze 1847 an der Eisenbahnstrecke von Hannover nach Minden die einzige Haltestelle ( Anhalt genannt) zwischen Hannover Centralbahnhof und Wunstorf erhalten hatte, suchten immer mehr Dorfbewohner Beschäftigung und Verdienst bei der Eisenbahn, lange bevor der Rangierbahnhof Seelze und Letter zu Eisenbahnerdörfern machte. Ein Beispiel: Friedrich Meier war 34 Jahre alt und Hausknecht im Seelzer Pfarrhaus, als 1847 die erste Eisenbahn in Seelze hielt. Zwei Jahre später gab er diese Stellung auf, um in Hannover Rottenarbeiter an der Eisenbahn zu werden. Morgens 3 Uhr ging er in Seelze zu Fuß los, Arbeitsbeginn in Hannover war um 5 Uhr, Feierabend um 7 Uhr abends. Friedrich Meier und seine Frau Luise, eine geborene Kreimeier aus Döteberg, hatten am Kirchhof ein kleines Haus, zu dem etwas Garten- und Ackerland und Wiese gehörten. Sie hielten Schweine, Hühner und eine Kuh. An den Bahnhilfswärter Heinrich Klages mit Frau und Tochter vermieteten sie eine Stube und eine Kammer. Sie selbst hatten zwei Kinder. Als Eisenbahnarbeiter erhielt Friedrich Meier anfangs 80 Pfennig Tageslohn, der in den nächsten zwanzig Jahren bis auf 1,20 Mark stieg. Da sich die Familie mit ihrer kleinen Landwirtschaft gemäß den damaligen Bedürfnissen praktisch selbst versorgen konnte und größere Schulden nicht abzutragen waren, konnten sich die Meiers glücklich schätzen, zu den Wohlhabenden unter Seelzes kleinen Leuten zu gehören. (ElfriedeHengstmann-Deppe, Seelzer Höfegeschichten, 1982) N. Saul Eisenbahner-Rotte Jahre Chemie in Seelze 9

10 Aufbruch und Wandel Landwirtschaft und gesellschaftliche Veränderungen Einhergehend mit der Industrialisierung begannen die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Veränderung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Landbevölkerung. Bereits um 1870 begann sich die Dreschmaschine, eine fahrbare Dampfmaschine, zum Ausdreschen des Getreides durchzusetzen. Die vielen Arbeitskräfte, die bisher das Korn mit dem Dreschflegel ausgedroschen hatten, wurden überflüssig. Damit war für diesen Bereich das bis dahin patriarchalisch geordnete System des alten Bauerndorfes abgelöst worden durch die Technik. Der Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften und damit auch der Anteil der ländlichen Bevölkerung verringerte sich mit Zunahme der Technisierung der Landwirtschaft. Die Mechanisierung ersetzte nicht nur Arbeitsgeräte und Arbeitsweisen in der Landwirtschaft, sondern trug auch zu einer Ver- änderung in der Bevölkerungsstruktur bei. Wegen der in der Landwirtschaft verloren gehenden Arbeitsmöglichkeiten und dem Zwang, eine neue, bis dahin unbekannte Arbeit annehmen zu müssen, trat ein deutlicher Geburtenrückgang ein. Die Abnahme des Kinderreichtums in den Familien hatte unterschiedliche Auswirkungen in den vorhandenen Bevölkerungsklassen. Dieses wird deutlich aus der nebenstehend wiedergegebenen Tabelle aus dem Buch Die Kindheit von Ingeborg Weber- Kellermann (S. 98/99). Frau Weber-Kellermann schreibt dazu sinngemäß: Die Tabellen sind waagerecht und senkrecht zu lesen. Die Senkrechte zeigt in der ersten Spalte für Bürger und Bauern eine weitgehend übereinstimmende Tendenz, die bestimmt ist durch eine gemeinsam wirtschaftende Haushaltsfamilie. In den folgenden Senkrechtspalten wird der große Wandel nach der Französischen und der Industriellen Revolution deutlich. Die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung führt ein neues, verändertes Verhalten bei den Bürgern herbei und bestimmt zwingend das soziale Verhalten der Arbeiter gegenüber ihren Frauen und Kindern. Die Betrachtung der horizontal dargestellten Entwicklungen macht deutlich, dass Aristokratie und Bauernstand länger festhalten an ihren bisherigen Lebensregelungen, und zwar den Mächten des Beharrens, während bei der Bürgerschaft größere Dynamik und Beweglichkeit vorherrschen. Sie verändern ihre Wirtschaftsweise allmählich wie auch die Erziehungsziele und die Rollenverteilung in der Familie. Ihnen folgt, wenn auch mit gewissem Abstand, die Arbeiterschaft. K.-H. Pfeiffer Quelle: Ingeborg Weber-Kellermann, Die Kindheit, S Jahre Chemie in Seelze

11 Quelle: I. Weber-Kellermann, Die Kindheit, S.98/ Jahre Chemie in Seelze 11

12 Aufbruch und Wandel Schuhmacher und Schneider profitieren von der Eisenbahn Auffällig für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist eine besondere Konjunktur für Schuhmacher und Schneider in und um Seelze. Wie oben dargestellt, wuchsen die Einwohnerzahlen von Hannover zu dieser Zeit enorm an, was eine große Nachfrage nach Bekleidung und Schuhen nach sich zog. Eine Bekleidungsindustrie, die diesen Bedarf hätte decken können, gab es noch nicht, ebensowenig Schuhmanufakturen. Und so profitierten die Schuhmacher und Schneider im Umland der Großstadt vom Bevölkerungswachstum - sofern sie mobil genug waren. Der Seelzer Anhalt erwies sich also für diese Handwerker als segensreich. Die Seelzer Chronistin Elfriede Hengstmann-Deppe ( ) stellte fest: 1878 hatte Seelze 475 Einwohner und davon waren 17 Schuhmacher. Diese beschäftigten 3 Gesellen und 17 Lehrlinge. Insgesamt lebten in Seelze also 37 Personen direkt vom Schuhmacherhandwerk; rechnen wir bei den Meistern und Gesellen die Familien hinzu, kommen wir auf rund zusätzliche Personen. Bei vorsichtiger Schätzung ergibt das insgesamt ca. 85 Menschen. Auf die Gesamtbevölkerung des Dorfes bezogen sind das rund 18 Prozent. Die Schuhmacher und Schneider aus Seelze, Letter, Döteberg, Almhorst usw. hatten ihre Kundschaft überwiegend in Hannover und machten meist einmal wöchentlich, in der Regel sonntags, Hausbesuche. Sie holten Reparaturbedürftiges ab, lieferten Fertiges aus, nahmen Maß und trie- ben Geld ein. Und als die Bahnverwaltung aus Sparsamkeitsgründen den Arbeiter-Frühzug sonntags ausfallen ließ, petitionierten die rund ein Dutzend Schneider und rund zwei Dutzend Schuhmacher [aus Seelze und den umliegenden Dörfern] so lange, bis der Frühzug wieder eingesetzt wurde. (Heinrich Wittmeyer) Und Elfriede Hengstmann- Deppe berichtet: Von [Schuhmacher-]Meister Heinrich Meier ist eine wahre Begebenheit überliefert. Unter seinen Kunden war ein höherer Beamter in Hannover. Als dieser nach Bückeburg versetzt wurde, bewies er seine Treue zu Meier auf besondere Art. Bei Bedarf und wenn er in Hannover zu tun hatte, teilte er Meier brieflich mit, wann und mit welchem Zug er fahren würde. Meier mußte dann in Seelze zusteigen und während der Fahrt Maß nehmen für neue Schuhe oder auch gebrauchte zum Reparieren mitnehmen. Auf die gleiche Weise lieferte er dann die fertige Ware wieder ab. N. Saul Jahre Chemie in Seelze Schuhmacherstube um 1900

13 Chemische Industrie in Seelze Kartenausschnitt aus der Königl.-Preuß. Landes-Aufnahme 1896, Herausgegeben: 1898 Voraussetzungen für die Ansiedlung in Seelze Heute fragen wir uns vielleicht, wie es dazu gekommen ist, dass sich in Seelze zum Ende des 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh., also beginnend vor 111 Jahren, die chemische Industrie ansiedelte. Das Dorf Seelze bot dafür besonders günstige Standortbedingungen: In der Stadt Hannover und in den nach Hannover 1891 eingemeindeten ehemals selbständigen Dörfern Hainholz, Herrenhausen, List und Vahrenwald wuchs die Bevölkerung zu jener Zeit infolge der Industrialisierung (in Hannover und in ganz Deutschland) rasch und stark an. Es wurde viel Land für den Bau von Wohnungen benötigt. Landwirtschaft und bereits vorhandene ältere Gewerbebetriebe wurden verdrängt. In Seelze gab es dank der dörflichen Struktur genügend Land für den Bau neuer Fabriken. Der Preis für Grund und Boden war im Gegensatz zur Stadt Hannover relativ niedrig. Die 1847 in Betrieb genommene Eisenbahnlinie Hannover-Minden bot mit dem Bahnhof in Seelze, dem damals einzigen Bahnhof zwischen Hannover und Wunstorf, gute Beförderungsmöglichkeiten. Weitere günstige Transportmöglichkeiten versprach der seit 1856 geplante Bau des Mittellandkanals. (Nach einem 1904 endlich gefassten Beschluss des preußischen Landtages wurde 1906 mit dem Bau begonnen. Der Teilabschnitt Minden - Hannover wurde 1916 in Betrieb genommen). Die nahe des Dorfes Seelze gelegene Leine bot Möglichkeiten zur Entsorgung von Abwässern. Das Dorf lag hoch über der Leine und war gut geschützt gegen Überschwemmungen. Die Lage des Dorfes auf trockenem Sandboden gestattete den Bau tiefer Keller ohne Gefahr des Eindringens von Wasser. Das für das Betreiben einer chemischen Industrie dringend benötigte Grundwasser war in ausreichendem Maße vorhanden. Die zu jener Zeit nach der großen Flurbereinigung in der 2. Hälfte des 19. Jh. zumeist verschuldeten Seelzer Bauern waren wegen ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse zu Landverkäufen bereit. K.-H. Pfeiffer 100 Jahre Chemie in Seelze 13

14 Chemische Industrie in Seelze Einzug der Industrie in Seelze um 1900 Den Hintergrund für die Industrieansiedlung im Umland bildete oftmals die Entwicklung in Hannover und der damals noch selbständigen Kreisstadt Linden. Dort kollidierte die Industrie, insbesondere wenn sie expandieren wollte, zunehmend mit der Wohnfunktion für die schnell wachsende Bevölkerung. Probleme bereiteten der Schmutz (das, was wir heute Emissionen nennen), der Flächenverbrauch und oftmals auch die fehlende Infrastruktur: Ein Eisenbahnanschluss oder eine Wasserstraße in unmittelbarer Nähe waren seinerzeit wichtige Standortfaktoren, vergleichbar etwa dem heutigen Autobahnanschluss. Betrachten wir als Beispiel die Chemische Fabrik List von Eugen de Haën. In dem damaligen Dorf List, welches 1891 nach Hannover eingemeindet wurde, war sie 1861 aus kleinsten Anfängen auf einem ehemaligen Bauernhof an der heutigen Waldstraße entstanden und erstreckte sich nach dem Ausbau 1869 da, wo sich heute der De-Haën-Platz befindet. Eine weitere Ausdehnung erschien Ende des 19. Jahrhunderts kaum möglich, zudem wurden die Frischwasserzufuhr und die Entwässerung immer problematischer, ein Eisenbahnanschluss fehlte und stand nicht in Aussicht - Heinrich Wittmeyer schrieb: Die ständig wachsende Produktion machte um 1900 eine Verlegung des Werkes aus der Stadtenge aufs weite Land notwendig. Mit 65 Jahren, wenn ein Beamter in den Ruhestand versetzt wird, ließ der Kommerzienrat [de Haën] seine Fabrik neu aufbauen, und zwar in Seelze. Warum in Seelze? - Es lag nur 12 Kilometer von Hannover entfernt, war die erste Station an der Hauptstrecke nach Köln und Bremen und war mit dem Zuge von Hannover in 15 Minuten zu erreichen. Der Kommerzienrat hatte es durchgesetzt, dass für ihn und seine in Hannover wohnenden Angestellten und Arbeiter ein besonderer Zug eingesetzt wurde, der in Seelze so lange auf einem Nebengleise stand, bis er nachmittags die in der Fabrik Arbeitenden wieder zurückbrachte. Dem Kommerzienrat gelang es auch, ( ) den Gleisanschluß über das Personengleis zum Gütergleis zu bekommen - keinem anderen wäre das genehmigt worden! Sein Wort galt auch bei der Planung des Mittellandkanals: der wurde zu seinen Gunsten dicht an der Chemischen vorbeigeführt. Die nahe Leine konnte die Fabrikabwässer aufnehmen. - Die Lage zwischen Bahn und Leine war also äußerst günstig. N. Saul Lageplan des Dorfes List nach 1865 mit der Chemischen Fabrik des Dr. de Haën Jahre Chemie in Seelze

15 Anfänge der chemischen Industrie in Seelze Eine erste kleine chemische Fabrik ließen die Herren Merklin und Lösekann im östlichen Gemeindegebiet 1891 errichten. Das war etwa dort, wo sich heute das Fertigteilewerk der Firma Schuppertbau (Hannoversche Straße 77) und die Firma Lidl befinden. In diesem chemischen Betrieb wurde Formaldehyd hergestellt. Dieses Produkt wurde vielfältig verwendet, z. B. zum Desinfizieren, zum Beizen und Gustav-Adolf-Straße, Seelze, Blick von der Goltermannstraße nach Osten auf die Villa Bleinroth Werk der Continental-Caoutchouc und Guttapercha-Compagnie in Seelze Gerben, zum Härten von Leim, zum Konservieren von Farben. Der Fabrikant Lösekann ließ jenseits der Hannoverschen Straße an der Bredenbeeke eine Villa errichten, die bis heute an diese erste kleine Fabrik erinnert; (nach späteren Besitzern hieß sie in Seelze auch Villa Oesterheld und Villa Bleinroth). In unmittelbarer Nachbarschaft östlich an Merklin und Lösekann ließ 1900 der Chemiker Dr. Plinke aus Linden eine weitere kleine chemische Fabrik errichten. Was dort produziert wurde, ist heute nicht mehr bekannt. Dieser Betrieb hat wohl nur eine kurze Zeit bestanden, obwohl Dr. Plinke zeitweilig Mitglied im Seelzer Gemeinde-Ausschuss war. Offenbar konnten diese beiden kleinen chemischen Betriebe aus wirtschaftlichen Gründen nicht lange existieren. Sie wurden bereits 1902 von der Continental-Caoutchouc und Guttapercha-Compagnie in Hannover (heute Continental AG Hannover) gekauft. Diese richtete dort zunächst eine Ölkocherei ein und baute auf diesem Industriegelände, das später bis 1923 zusätzlich nach Osten in Richtung Letter etwa bis zum heutigen RSV-Platz erweitert wurde, eine Fabrik zum Regenerieren (Erneuern) von Altgummi. Heute würden wir das als Recycling (Wiederverwendung bereits benutzter Rohstoffe) bezeichnen. In den 1920er Jahren waren dort bis zu 400 Arbeitskräfte beschäftigt. Die Conti arbeitete auf Grund der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise mit der Gummifabrik Excelsior in Limmer zusammen. Dadurch wurde die Regeneratfabrik in Seelze überflüssig. Auf Grund eines Preissturzes für Rohgummi als Folge der zur gleichen Zeit herrschenden Wirtschaftskrise dürfte das Betreiben dieser Anlage zur Aufarbeitung von Altgummi unwirtschaftlich geworden sein. So wurde das Seelzer Werk der Conti gegen Ende des Jahres 1931 geschlossen und der größte Teil der zu jener 100 Jahre Chemie in Seelze 15

16 Chemische Industrie in Seelze Seelzer Asbestfabrik Hay, später Büchtmann & Co, Seelze Jahre Chemie in Seelze Zeit dort noch beschäftigten etwa 300 Menschen wurde arbeitslos wurden die meisten Gebäude und die Schornsteine abgerissen. Das Fabrikgelände war zur Straße nach Letter mit einem hohen Holzzaun versehen, im Volksmund Conti-Planke genannt. Heinrich Wittmeyer schrieb: Ein großer Teil der Arbeiter war brotlos geworden, und der Gemeindesäckel mußte mit einem Ausfall von Mark Steuern rechnen. - Ein Beispiel für die neuen Abhängigkeiten, die der Strukturwandel mit sich brachte. (Zum Conti-Werk Seelze siehe Beiträge in den Seelzer Geschichtsblättern Nr.6/1991 und Nr. 10/1995) Bereits 1898 gründete Heinrich Hay im Hermannstal die Seelzer Asbestfabrik (Asbest: feuerfeste, mineralische Faser) und produzierte dort in bescheidenem Umfang. Einige Jahre später konnte die Produktion durch finanzielle Hannoversche Asbest- und Kieselgur-Waren-Fabrik Werner Toenne, Seelze Unterstützung der Geldgeber Oertgen und Schulte deutlich ausgeweitet werden. Etwa in der Zeit um 1910, nach dem Tode von Heinrich Hay, wurde der Betrieb von den damaligen Großindustriellen Oertgen & Schulte übernommen. Diese beauftragten Oscar Toenne mit der Weiterführung und vor allem einem Ausbau der Fabrik für verschiedene Asbestwaren und Isoliermaterialien aus Kork, Kieselgur, Schlackewolle, Seidenwatte und Glaswatte unter dem Namen Hannoversche Asbestwerke G.m.b.H. Der Betrieb vergrößerte sich schnell nachdem auch noch eine Asbestspinnerei und eine Asbestweberei aufgemacht worden waren. Zeitweilig waren mehrere hundert Beschäftigte tätig. Wegen schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse wurde der Betrieb, der damals etwa 120 Beschäftigte hatte, von Oertgen & Schulte aufgeteilt und verkauft. Dabei erwarb der bisherige Geschäftsführer Oscar Toenne einen Teilbereich des Betriebes, nämlich das Zweigwerk auf dem ca qm großen Gelände südlich der damaligen Schuppen des Güterbahnhofes (zwischen der heutigen Kanalstraße und dem Zweigkanal nach Linden). Er setzte dort die Fabrikation von Kieselgur- und Asbestwaren sowie sonstigen Isolierwaren mit zunächst fünf Arbeitskräften fort. Dieses Werk, eine Kommanditgesellschaft, firmierte als Hannoversche Asbest- und Kieselgur-Waren-Fabrik Werner Toenne und vertrieb seine Erzeugnisse im In- und Ausland. Nachdem die Anzahl der Beschäftigten, offenbar auf Grund der kriegswichtigen Produkte, im Jahre 1943 auf etwa 33 gestiegen war, betrug sie Mitte der 1950er Jahre

17 etwa 19 Personen, die zu mehr als der Hälfte Einpendler aus umliegenden Gemeinden waren. Der Betrieb hat bis 1981 bestanden. Den nicht von Oscar Toenne erworbenen, im heutigen Hermannstal gelegenen Hauptteil der ursprünglich von Heinrich Hay gegründeten Asbestfabrik erwarb Dr. Büchtmann mit Hilfe von Geldgebern. Die zwischenzeitlich offenbar wegen eines Konkursverfahrens eingestellte Produktion konnte mit finanzieller Unterstützung der Lindener Credit Bank (heute Lindener Volksbank) 1932 wieder aufgenommen werden. Diese Firma nannte sich: Seelzer Asbestfabrik Büchtmann & Co. Kommanditisten waren die Kaufleute Georg und Gerhard Geyer aus Dresden (Besitzer einer Dresdener Asbestfabrik). Während der Zeit des 2. Weltkrieges wurden durchschnittlich Personen (fast ausschließlich ausländische Zwangsarbeiter) in diesem Betrieb beschäftigt mit der Herstellung von Waren für die Schwerindustrie und die Kriegsmarine (Isolierung von Rohrleitungen aller Art). Während der Kriegszeit wurde Asbest zum großen Teil durch Glaswolle ersetzt. Nach den Aufzeichnungen des Seelzer Chronisten Heinrich Wittmeyer aus der Zeit vor 1945 wurde der Betrieb Ende Oktober 1944 bei einem Bombenangriff schwer beschädigt, jedoch die Produktion bald wieder aufgenommen. Die ausländischen Arbeitskräfte waren in werkseigenen Wohnbaracken untergebracht und wurden aus der Werksküche verpflegt. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges am 8. Mai 1945 kam der eigentliche Eigentümer der Firma aus Dresden nach Seelze. Dieser verlegte 1951 den Betrieb nach Süddeutschland. Das Betriebsgelände wurde von den Firmen Hänsel (Herstellung von Spezialpapier zum Einwickeln von Bonbons - im Jahr 2000 in Konkurs gegangen) und Dr. Becher (Wachsschmelze) übernommen. Die beiden Nachfolge-Firmen von Heinrich Hay, die Hannoversche Asbest- und Kieselgur-Warenfabrik Werner Toenne und die Seelzer Asbestfabrik Büchtmann & Co., stellten Dichtungs- und Isoliermaterialien her insbesondere aus Asbest und Kieselgur (Ablagerungen von winzig kleinen aus Kieselsäure bestehenden Kieselalgen). Als Ausgangsmaterialien für die Produktion wurden in den 1950er Jahren verwendet: Kieselgur aus Unterlüß (Lüneburger Heide), Tonmehl und Basaltwolle aus Hessen, Gips aus dem Südharz, Asbestfasern u. a. aus Kanada, Seidenwatte aus Hannover, verschiedene Garne aus Westfalen, Glaswatte aus Hamburg. Die Erzeugnisse: Kieselgur-Isoliermassen, Isolierschnüre Vorderansicht der Chemischen Fabrik Riedel-de Haën, Seelze und -matten, Asbestkleidungsstücke, Asbestplatten und Asbest-Zement-Schiefer gingen in die gesamte damalige Bundesrepublik Deutschland (also Westdeutschland) und nach Holland, Belgien, Luxemburg und in die Schweiz nahm die Firma E. de Haën Chemische Fabrik List Seelze b. Hannover ihre Produktion in Seelze auf. Der Chemiker Dr. Eugen de Haën betrieb bis dahin in der Gemeinde List (ab 1891 Stadtteil von Hannover) die von ihm 1861 in Linden in der Falkenstr. 9 gegründete Fabrik pharmazeutischer und technischer Chemikalien, Laboratorium für Photographie. Zunehmende Probleme bei Konzessionserweiterungen für neue chemische Produkte, Erschwernisse wegen der eingeengten Lage der Fabrik in der List und drohende Prozesse mit Nachbarn wegen der von der Fabrikation ausgehenden Belästigungen veranlassten de Haën, seinen Betrieb zu verlagern. 100 Jahre Chemie in Seelze 17

18 Chemische Industrie in Seelze Dafür hatte er 1898 westlich des Dorfes Seelze in den Fluren Im Brüggefelde, Beekefeld, Reuterwiese, Hinter der Niedermühle, Auf dem Bocksbarte und Neuen Weizenkampe ein etwa 30 Hektar (120 Morgen) großes Gelände gekauft. Diese Fläche würde nach heutigen Verhältnissen Platz bieten für 500 Einfamilienhäuser bei einer Grundstücksgröße von je 600 qm oder für Reihenhäuser bei einer Grundstücksgröße von je 250 qm. Der Baumeister Maresch aus Österreich erstellte auf dieser Fläche von 1898 bis 1902 die für den Anfang erforderlichen Fabrikations- und Verwaltungsbauten. Fünfzehn Brunnen lieferten das für den Fabrikbetrieb benötigte Wasser. Drei Dampfkesselanlagen sorgten für die notwendige Energie und fünf große Schornsteine, davon drei mit 60 m Höhe, leiteten und verdünnten die Abgase in die Luft. Zum Zeitpunkt der Aufnahme der Produktion in Seelze hatte die Firma ca. 360 Beschäftigte. In die neu errichteten 24 Doppelhäuser der Arbeiterkolonie Handel in alle Welt, 1920er / 1930er Jahre, Riedel-de Haën zogen 96 Arbeiterfamilien ein und weitere acht Doppel-Einfamilienhäuser boten Platz für Werkmeister. Für die Beamten enthielten zwei Doppel-Wohnhäuser je drei und das Beamtencasino weitere vier Wohnungen. Das Fabrikgelände war von Anfang an mit einem umfangreichen Eisenbahnschienen-Netz versehen und mit einem unmittelbaren Anschluss an die Eisenbahnlinie Hannover-Wunstorf. In der neuen Fabrik, der Chemischen, wie die Bevölkerung sie nannte, wurden hauptsächlich anorganische Produkte hergestellt wie z. B.: Flusssäure und deren Salze (1890 bereits 800 kg Säure/Tag), reine Metallsalze der Säuren, Goldschwefel (Antimonsulfid) zum Vulkanisieren und Rotfärben von Kautschuk, Chemikalien für Gasglühstrümpfe, Leuchtfarben (nachleuchtend) ab 1914, (für das Fernsehen seit 1935), Chemikalien für Anstrichmittel (z. B. Schiffsbodenfarben), auch organische Chemikalien wie Glycerin (Großprodukt zur Nitroglycerin- / Dynamitherstellung), Kolloidgraphit-Schmiermittel und Schlichten, Reagenzien / Laborchemikalien. Es gab eine weitere große Fülle von Erzeugnissen je nach dem, wie diese von der rasch wachsenden übrigen Industrie benötigt wurden. Die für die Produktion benötigten Rohstoffe wurden dort gekauft, wo sie am günstigsten zu bekommen waren; dementsprechend weit gefächert war der Einkauf. Aus dem Harz wurden wohl Mineralien (Schwerspat) bezogen, Steinsalz aus benachbarten Gruben, Metallsalze in minderer Qualität wurden von Großproduzenten gekauft und aufgereinigt (Umkristallisation). Flussspat für die Flusssäureproduktion gab es in der Oberpfalz und im Schwarzwald. Die hergestellten Produkte wurden nicht nur im Inland sondern bereits sehr früh auch ins Ausland verkauft. Der Warenvertrieb war stark exportorientiert. Preislisten gab es in deutsch, lateinisch, englisch, französisch, italienisch und spanisch. Schon um 1900 gab es rd. 100 Auslandsvertretungen und lebhafte Reisetätigkeit. An anderer Stelle wird näher über die Geschichte der Chemischen und deren Gründer berichtet werden. Eine weitere chemische Produktionsstätte eröffnete der Chemiker Hans Jonassen 1927 in Lohnde; er hatte die Bauerntochter Ida vom Hof Heinrich Dröge geheiratet. Nach seinem Ausscheiden als Mitarbeiter der Firma Riedel-de Haën wurden auf dem Privatgrundstück der Familie Jonassen in der Krummen Masch erste Baumaßnahmen begonnen. Es wurden zwei kleinere Backsteinbauten, ein hoher Schornstein Jahre Chemie in Seelze

19 sowie mehrere Öfen mit schweren Metallkesseln gebaut. Dazu kamen zwei Baracken zur Lagerung von Chemikalien und eine Scheune mit Keller wurde umgestaltet und teilweise neu gebaut. Mit der Fabrikation wurde 1928 begonnen und etwa acht bis zehn Mitarbeiter beschäftigt. Der Hauptproduktionsund -verkaufsartikel war Calciumphosphit ( Phosphorcalcium ), welches zum Teil auch tonnenweise an eine Marine-Versuchsabteilung für die Torpedowaffe verkauft wurde. Das Calciumphosphit sollte die Laufbahn der Torpedos sichtbar machen. Bis in die 1960er Jahre hatte das Calciumphosphit Bedeutung als Begasungsgift gegen Wühlratten. Weitere Chemikalien sind nicht in bedeutsamem Umfang hergestellt und vertrieben worden, allenfalls ein von Ratten zu fressendes Gift. Der Firmeninhaber Hans Jonassen starb im Oktober 1929 im Alter von 52 Jahren vermutlich an Nierenversagen durch Cadmium- Vergiftung. Seine Frau Ida führte mit ihren beiden halbwüchsigen Söhnen Rolf und Harald die Herstellung der Chemikalien weiter. Ab 1930 wurde ausschließlich Calciumphosphit an Großhändler in verschiedene Gebiete und an Apotheken im Großraum Hannover bis Bielefeld und Münster verkauft. Wegen der möglichen Verwendung für Torpedos gelang es bis in den Zweiten Weltkrieg hinein, die Grundstoffe, insbesondere Phosphor, zu beschaffen und das bekannte Rattengift Calciumphosphit herzustellen und zu vertreiben. Die Fabrikationsanlagen wurden im Kriege schwer durch Bomben beschädigt. Nach Ende des Krieges und bereits vor der Währungsreform am 20. Juni 1948 (Einführung der Deutschen Mark) wurden Produktion und Vertrieb des Rattengiftes wieder aufgenommen. Ab etwa 1930 waren Personen außerhalb der Familie nur selten in dem Betrieb beschäftigt. Die Arbeit wurde im wesentlichen durch die Witwe des Firmengründers, Ida, und ihre beiden Söhne Rolf und Harald durchgeführt. Andere Familienangehörige, wie Schwiegertöchter, halfen ebenfalls. Die Produktion endete 1960, der Vertrieb der noch hergestellten Ware etwa In den 1970er Jahren wurden die restlichen Chemikalien, die Baracken und restlichen Bauten fast vollständig entfernt. Zur Familiengeschichte Jonassen berichtet Dr. Axel Jonassen, Enkel des Firmengründers: Mein Großvater, Hans L.B. Jonassen, wurde 1877 in Haugesund/ Norwegen als Sohn eines Kapitäns geboren. Aus der Überlieferung ist bekannt, dass mehr als acht Generationen väterlicherseits als Kapitäne ihren Beruf ausgeübt haben. Mütterlicherseits ist die Verbindung zur Chemie bekannt. Hier bestand eine monopolisierte regionale Apothekenversorgung, d.h. die Region Haugesund wurde von der Familie mütterlicherseits über eine überregionale Apotheke mit Medikamenten und auch Chemikalien versorgt. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass mein Großvater, Hans Jonassen, in Berlin Chemie studierte. Sein Vater ist mit seinem Schiff untergegangen und verschollen. Das mag meinen Großvater davon abgehalten haben, ebenfalls Kapitän zu werden. Während des Studiums lernte mein Großvater einen Kommilitonen namens Hans de Haën, [Enkelsohn von Eugen de Haën], kennen, späterer Juniorchef der Firma de Haën in Seelze. [Nach dem Ausscheiden seines Vaters, Wilhelm de Haën (1924) wurde der Enkelsohn nur noch technischer Leiter.] Bereits 1903 begann Hans Jonassen seine Tätigkeit bei der Firma Chemiker Hans Jonassen mit seiner Frau Ida und den Söhnen Hans (l), Rolf (m) und Harald (r) 100 Jahre Chemie in Seelze 19

20 Chemische Industrie in Seelze Dr. Rolf Jonassen ( ) de Haën in Seelze. Wegen seiner ausgezeichneten Englisch- und Französischkenntnisse wurde er von Eugen de Haën in die USA und nach Kanada geschickt. Er hat dort in den Jahren 1905 bis 1907 das Amerikageschäft aufgebaut. Nach der Übernahme der Firmenleitung durch Wilhelm de Haën nach dem Tode seines Vaters 1911, wurde Hans Jonassen mit Leitungsaufgaben in der Fabrik betraut. Der Familienüberlieferung nach sah sich Hans Jonassen als die rechte Hand des Fabrikbesitzers Wilhelm de Haën. Mitte der 1920er Jahre kam es zu Erbstreitigkeiten in der Familie de Haën und zu einer Mehrheitsbeteiligung der Deutschen Bank. Die Firma wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und 1928 von Riedel aus Berlin-Britz übernommen. Wilhelm de Haën verlor seinen Einfluss und die Situation wurde für meinen Großvater so schlecht, dass er die Firma verließ, was auch vielleicht seitens der Firma angestrebt worden war. So kam es dann zur Gründung eines eigenen Betriebes in Lohnde. Nach dem Tode meines Großvaters 1929 stand meine Großmutter Ida Jonassen mittellos mit vielen Schulden da. Die Absicherung der Familie durch eine Lebensversicherung auf Gold- Mark-Basis war durch die Inflation 1923 aufgefressen, und meine Großmutter und ihre Söhne mussten durch Herstellung und Vertrieb des Rattengiftes Calciumphosphit die Familie über Wasser halten. Letztlich waren alle Schulden abbezahlt. Mein Vater, Dr. Rolf Jonassen, war ab 1945 hauptberuflich als Chemiker und Betriebsleiter bei der Firma Riedel-de Haën beschäftigt und hat nebenher, wie mein Onkel, der Kaufmann Harald Jonassen, bei der Herstellung und dem Vertrieb des Rattengiftes mitgewirkt. Die Familie Jonassen ist stark geprägt von Seefahrt und Chemie. Der älteste der drei Söhne von Hans Jonassen, ebenfalls Hans geheißen, fuhr zur See, erwarb das Patent zum Steuermann für große Fahrt und begann danach das Studium der Chemie. Er war schließlich international sehr erfolgreich als Professor für Physikalische Chemie an der Universität in New Orleans, USA. Als letzte der vor längerer Zeit in Seelze gegründeten oder angesiedelten chemischen Firmen ist die damalige Wachsschmelze Becher zu nennen. (heute Dr. Becher GmbH. Vor den Specken 3). Die Firma ist 1926 in Hannover gegründet worden und ging 1952 wegen mangelnder Erweiterungsmöglichkeiten nach Seelze. Genügend Platz fand sich im Hermannstal auf dem Gelände der ehemals von Heinrich Hay gegründeten Seelzer Asbestfabrik. In den 1950er Jahren verarbeitete die Firma hauptsächlich Wachse zu Schuhcreme und Bohnerwachs und stellte auch Abwasch-, Spül- und Reinigungsmittel für alle Zwecke und Edelpolituren für Autolacke her. Hauptabsatzgebiete waren das Rheinland und Süddeutschland K.-H. Pfeiffer Erste Arbeitsstätte der Firma E. de Haën in der Gemeinde List, Jahre Chemie in Seelze

21 Chemische Fabrik des Eugen de Haën Der Gründer Der am 26. Dezember 1835 in Duisburg als letztes von sieben Kindern geborene Eugen de Haën entstammt einer Familie vom Niederrhein. Sein Vater gründete in Düsseldorf eine Chemikalien- und Drogengroßhandlung, und hier besucht Eugen auch die Schule. Zugleich absolviert er in dem Geschäft seines Vaters eine kaufmännische Lehre und hat viel Berührung mit Chemikalien und Drogen. Nach Abschluss der Schulzeit geht er ab Frühjahr 1853 als Praktikant in Wiesbaden in die Schule von Remigius Fresenius, einem Schüler Liebigs, und bekommt dort eine sorgfältige theoretische und praktische Ausbildung in den Grundlagen der Chemie, der Mineralogie sowie besonders in analytischer Chemie. Ab Oktober 1854 studiert Eugen de Haën in Heidelberg Chemie bei Bunsen, Physik bei Kirchhoff und Mineralogie bei Leonhard. Er beendet sein Studium im Januar 1856 mit Ablegung der Doktorprüfung. Zu jener Zeit konnte von einer chemischen Industrie im heutigen Sinne noch nicht gesprochen werden. Chemie fand statt in Laboratorien. Chemische Fabriken entstehen erst allmählich. Angesichts dieser Situation war es für den jungen Doktor der Chemie nicht leicht, eine Anstellung zu finden. Nach längeren vergeblichen Bemühungen trat Eugen de Haën gegen Zahlung von 500 Thalern (das entsprach damals dem durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Maurers) ein in eine Kattundruckerei in Böhmen. Bald musste er jedoch feststellen, dass er teures Lehrgeld gezahlt hatte. Die Fabrik war ein veraltetes Werk unter schlechter Leitung, und es gab für de Haën nichts zu lernen. Danach übernahm er den Posten eines Analytikers in einem Hochofenwerk im Ruhrgebiet. Diese offenbar eintönige Tätigkeit entsprach nicht dem beweglichen, vielseitig interessierten Geist des Eugen de Haën. So wechselte er erneut und ging als Versuchschemiker zu der chemischen Fabrik SILESIA nach Saarau in Schlesien. In dieser Fabrik freundete er sich an mit Dr. Julius Knoevenagel aus Linden bei Hannover. Nachdem dieser im August 1860 in Linden in der Falkenstr. 9 ein chemisches Laboratorium für analytische Chemie gegründet hatte, trat de Haën alsbald in diese Firma als Teilhaber ein und konnte so seiner Vorstellung von einer selbständigen Tätigkeit etwas näher kommen. Er verfolgt hartnäckig den Plan, sich mit einer chemischen Fabrik selbständig zu machen. Bereits im Herbst 1860 plant er, in der Falkenstraße in Linden eine chemische Fabrik kleineren Umfangs einzurichten. Nach dem damaligen Gewerberecht war hierfür eine staatliche Genehmigung nicht erforderlich. De Haën konnte 1861 mit finanzieller Unterstützung seiner Brüder günstig Utensilien und Rohstoffe für eine pharmazeutische Produktion von einer chemischen Firma in Oeynhausen wegen deren Betriebsaufgabe kaufen. Er gründet mit diesem Material im Alter von nur 25 Jahren zum mit Hilfe eines weiteren Teilhabers seine Firma E. de Haën & Co in Linden, Falkenstraße 9. Die sich günstig entwickelnde Produktion seiner Firma zwingt de Haën dazu, das zu klein gewordene Grundstück an der Falkenstraße zu verlassen. Er verlegt seinen Betrieb in die damals selbständige Gemeinde List. In gemieteten Gebäuden beginnt er dort mit einfachen Mitteln im Sommer 1862 mit der Produktion. Er verlegt auch seinen Wohnsitz aus der Blumenauer Straße 29 in die Alte Celler Heerstraße 14/15. Am 22. November 1862 heiratet de Haën (fast 27 Jahre alt) in der ev.-luth. Hainhölzer Marienkirche die am 14. Mai 1837 in Isernhagen geborene Mathilde Schroeder (25 Jahre alt). Noch am Hochzeitstage fährt de Haën mit dem Zuge wegen einer wichtigen Eugen de Haën mit Frau Mathilde und Sohn Wilhelm 100 Jahre Chemie in Seelze 21

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Author: Tyson Zemlak

Last Updated: 12/27/2022

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